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Sonntag, 19 Februar 2012 20:00

ACTA oder: der Wandel unserer Gesell-Schaf-t

geschrieben von  JamesVermont

Mir ist erst kürzlich so richtig bewusst geworden, wie wichtig das Internet in meinem Leben geworden ist. Glaubt es oder glaubt es nicht: Ich nutze es aktiv als auch passiv zwischen 10 und 12 Stunden am Tag! Doch jetzt denke ich darüber nach, wie eine Alternative dazu aussehen könnte. Die markerschütternde Erkenntnis: Man nutzt das Internet, oder man nutzt es nicht – es gibt (derzeit) kein Zweites davon (was übrigens auch für unseren Planeten gilt).

Doch der Reihe nach:
Der Grund, warum ich über mein Netznutzungsverhalten nachgedacht habe, ist ein toller Gesetzesentwurf namens ACTA (für Erklärung bitte Video anguggen), der unter anderem vorsieht, sämtlichen Datenverkehr auf urheberrechtlich geschütztes Material zu durchleuchten.

Was ACTA sein soll
Lassen wir das mal so stehen und den restlichen Gesetzesentwurf außen vor. Betrachten wir stattdessen den aktuellen Stand:
Das Internet gehört niemanden. Es gibt Provider, welche die Infrastruktur anbieten, und Teilnehmer, die diesen nutzen. Wenn der Datenverkehr durchleuchtet werden soll, dann ändert sich diese Struktur. Es gibt Kontrolleure, die für den Staat arbeiten und zwar weltweit ohne Ausnahmen. Dabei erhalten alle dieselben rechtlichen Bedingungen. Schlupflöcher werden beseitigt. ACTA repräsentiert dabei den europäischen Part. Es werden sich Länder anschließen, die von der westlichen Welt schief angeguggt werden, weil sie Menschenrechte missachten. Aber das sind zur Abwechslung einmal nicht die Bösen.

Wohin es führen kann
Sind die Rahmenbedingungen zur Umsetzung des Gesetzes erst einmal geschaffen worden, kann man damit auch andere Dinge „kontrollieren“. Es ist wie mit einem Messer: Damit kann man schneiden, aber auch stechen. In jedem Fall ist unser Internet nicht mehr neutral und wenn Teilnehmer von den Kontrolleuren ausgeschlossen werden, ist es obendrein zensuriert.
Es sind die Mittel, die den Zweck verraten.

Was mich so entsetzt ist nicht die Idee zu dem Gesetz, sondern einerseits die Dreistigkeit der Lobbyisten (mit scheinbar einfach zu beeinflussenden Politikern), aber auch die mangelnde Sensibilität der Bevölkerung. Ich finde, es drückt den Geist einer Zeit aus und der ist es, den ich hier in den Mittelpunkt stellen möchte.

So mir nix - dir nix
Meine Arbeitskollegen, so ziemlich alle Generation 40+ sagen zu Überwachung im Internet einhellig:
Ich habe ja nichts zu verbergen.
Frage: Ist das Bewusstsein für die elementaren Rechte unserer Gesellschaft abhanden gekommen? Es geht nicht darum was wir verbergen könnten, sondern was vor uns verborgen wird, ist diese Art von Zensur erst Wirklichkeit! Wir verbieten auch keine Autos, bloß weil (im Verhältnis zur Benutzung derselbigen gesehen) damit ein paar Menschen überfahren werden könnten (jeder der betrunken oder unter Drogeneinfluss hinterm Steuer Menschen verletzt gehört eingesperrt!)! Und bei weitem nicht alle Teilnehmer im Netz sind Raubkopierer.
Es geht um die Möglichkeit uneingeschränkt an Informationsquellen JEDER Art zu kommen, nicht darum ein paar Hollywood-Schinken zu klauen. Ja, es gibt wesentlich wichtigere Dinge als den Verdienstentgang der Musik- und Filmindustrie! Sehen wir die Gefahren des Internets doch in einem Verhältnis:
Wie viele der LKWs, die uns täglich Dinge liefern, die wir brauchen schmuggeln Menschen? Beschäftigen wir tausende von (ach so teuren) Beamten, die jeden einzelnen durchleuchten?

...das alleine ist es nicht
Aber es gibt ja noch weitere Gesetzesentwürfe dieser Art. Gerade im Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise und dem Europäischem Stabilitätsmechanismus, bei dem es vereinfacht ausgedrückt einer Institution der EU möglich sein wird mit Blankoschecks der Mitgliedsstaaten andere Mitgliedsstaaten zu „retten“, völlig ohne demokratische Einrichtungen. Wer sich dafür – und / oder für Alternativen zum Geldsystem – interessiert findet eine gut aufbereitete Episode bei Cropfm.

Wenn es denn so einfach wäre
Ich verzichte auf ein drittes Beispiel. Es ist nicht leicht auf solche Schweinereien draufzukommen. Scheinbar muss die Bevölkerung trotz Telekom-Affäre und Politikverdrossenheit beginnen, genauer hinzusehen. Was wiederum nicht einfach ist, wenn man diesen Blogbeitrag als Negativbeispiel heranzieht. Immer öfter wird der Vorwurf laut, dass Gesetze im Stillen beschlossen werden und Nachrichtenagenturen diesbezüglich Informationen unter den Tisch fallen lassen (das sagt auch Herr Senf in der oben empfohlenen Cropfm-Sendung). Schon irgendwie interessant, wenn man bedenkt, dass trotz allem was auf dieser Erde wissenswertes passiert, die Nachrichtensendungen in ihrer Dauer stets gleich lang bleiben.

Die Phoesen
Über ACTA wurde im ORF hauptsächlich auf FM4 berichtet. Wieder wird die Generation 40+ in ihrem Glauben bestärkt, dass Internet nur Kinderspielzeug sei und die Raubkopierer um ihre gratis Downloads fürchten. Das ist vielleicht die selbe Generation, die gewohnt ist um eine bestimmte Uhrzeit vor dem Fernseher zu sitzen, da sie sonst ihre Lieblingssendung verpassen würden. Und die zum Mediamarkt einkaufen geht, weil das Angebot dort aktuell und die Ware am billigsten ist (und so tolle bunte Flugblätter verteilen). Und die vielleicht auch denkt, dass man Musik nur im Ladengeschäft günstig kaufen kann und in der Zeitung die Wahrheit steht (zweifellos steht dort EINE Wahrheit – und zwar unkommentiert). Es hat so tatsächlich den Anschein, wenn man sich das Gesetz näher anschaut.

Neu - denken
Bezüglich der Gratis-Downloads will ich jetzt nicht auf das Thema „geistiges Eigentum“ eingehen, denn das alleine verdient einen eigenen Blogbeitrag. Es ist auch nicht das vorrangige Problem:
Vorhin habe ich auch die Generation 40+ hingehauen – nicht ohne Grund (was aber wiederum nicht bedeutet, dass ich ihnen die Schuld gebe): Da gibt es so viele Leute die sagen, die Generation darunter sei so uninteressiert an Politik – das ist so nicht richtig. Nicht alle von uns sind Strache-Wähler. Ich denke eher – denn noch darf ich mich da dazu zählen (fuck, ich werd wirklich alt) – wir sind pragmatischer. Uni-brennt oder jetzt der Widerstand bezüglich ACTA zeigen ein Potenzial, dass wenn Themen wichtig sind, sie auch zum Ausdruck kommen. Und das auf unkomplizierte und flexible Art und Weise. So glaube ich auch, dass das Internet eine neue Struktur in unsere Welt gebracht hat, die weit aus anders funktioniert als die bisher gewohnte.

Beispiele
Mc Claudia könnte locker ein Buch gefüllt mit ihrem Autodidakten Wissen über die Religion der Kelten verfassen – tut es aber nicht, weil Wissen lebt und ständig aktualisiert wird (das teilte sie mir in einer Email im Zusammenhang mit meinem Online-Roman mit). Die Singvøgel verkaufen ihr aktuelles Album in doppelter CD-Qualität mit wunderschönem Booklet binnen vier Klicks erhältlich um einen akzeptablen Preis. Dagegen stinken PopUp-verseuchte One-Klick-Hoster und Marktbeherrschende sich abgrenzende und damit nervtötende angebissene Äpfel wirklich ab. Oder Bernhard, Lilo und Freunde mit Pantherion, die das Netz für ihre Zwecke einsetzen und mehr Bonusmaterial gratis unter die Leute bringen, als jemals auf eine Kauf-DVD passen würde!

Nichts mehr ist in Stein gemeißelt, auf Papier gedruckt oder auf Plastik gebannt. Mittlerweile sind aus klobigen 486ern flache Flundern geworden, die uns überall hin begleiten plus ihren damit verbundenen Flüchen.

Und mittlerweile sind die Beiträge im Netz oft gleich wichtig wie deren Nutzer-Kommentare. Gerade im Internet befassen wir uns an vielen Stellen mit den Problemen intensiver als mit herkömmlichen vorgefertigten Lösungen. Das bedingt die oftmalige Erkenntnis, dass es viele Lösungswege gibt, von denen wir uns selbst einen auswählen müssen.

Gedanken sind frei - und das Netz sollte es auch sein
Ja, das Internet ist auch ein unendlicher Tropf an dem wir uns zu Tode konsumieren könnten. Das passiert aber nur, wenn wir vergessen, dass auf der anderen Seite Teilnehmer sitzen, die das was sie schaffen mit uns teilen (selbst konsumieren will gelernt sein). Macht und Geld sind nicht nur ein Problem im Internet – sie betreffen unsere gesamte Gesellschaft. Egal welches Problem wir im Internet finden:
es endet nicht, wenn wir unsere Laptops einpacken und unser Smartphone ausschalten. Keine Türe und kein Transistor stoppen das Denken in unserem Kopf. Das weiß auch meine liebe Schwägerin, die ihre handgeschneiderten Kleider im Netz präsentiert.

An der Stelle mag ich noch auf den Club2 im Februar verweisen, auf den ich durch Roland Düringers Wutbürgerrede aufmerksam geworden bin (ich mag keine Kabarettisten, aber was der Mann dort so von sich gibt, deckt sich in vielerlei Hinsichten mit meiner Meinung). Da geht es zwar nicht um ACTA, aber vielmehr um jenes diffuse Gefühl, das mich umfängt, wenn Sparpakete, Eurokrisen, Untersuchungsausschüsse und die Werbeunterbrechungen über den LCD-Bildschirm huschen...

So kann es nicht weitergehen:
Denn fix ist, dass es weitergeht – alles Andere wäre zu einfach – (und wir alle am 21.12.12 eine fette Party feiern werden) und wir bestimmen, auf welche Art dies geschieht. Jeder in seinem Sein verfügt über Möglichkeiten. Und alle jene, die darüber nicht verfügen, sollten sich darauf verlassen können, dass Andere es für sie mit-tun. Ich mag nicht in ein Hamsterrad gezwängt werden, das meiner Gesundheit und der Entwicklung meiner Kinder schadet. Ich mag nicht Offline-gehen (müssen), denn das wäre meine Reaktion auf die Umsetzung von ACTA (wohlgemerkt kann ich mir gut vorstellen, dass es auch dazu mehrere Möglichkeiten geben könnte).

Der Geist der Zeit...?
Und selbst wenn es uns gelingt, dieses Gesetz zu verhindern:
Der Geist aus dem es geboren wurde wird weiterleben. Jeder, der einmal über Macht verfügt, wird sie – so fern nicht weitsichtig genug – verteidigen. Denn nichts anderes tut die Seilschaft aus Wirtschaft und Lobbyismus in ACTA. Ein Durchbruch wäre eine Änderung unserer Gesellschaft. In der oben empfohlenen Club2-Sendung, wird ein bunter Mix von dem was ich hier alles angeschnitten habe, diskutiert. Mehr noch als ich in diesem Blogbeitrag zusammen fassen könnte.

Zum Abschluss will ich auf PANTHERION verweisen, das zeigt, was Abseits von Produktionen großer Filmstudios möglich ist.

querdenkende Grüße;
JamesVermont

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2 Kommentare

  • Kommentar-Link JamesVermont Mittwoch, 07 März 2012 09:42 gepostet von JamesVermont

    Bei Stop-ACTA bin ich bereits dabei! Kann aber nicht oft genug darauf hingewiesen werden!
    Hoff, Dich blad wieder zu sehen!

    JamesVermont

  • Kommentar-Link Harald K. Mittwoch, 07 März 2012 09:32 gepostet von Harald K.

    Grüße dich! Lange ist's her, dass du was von mir gehört, oder überhaupt was gesehen hast. Ich habe mich zurückgezogen, mich abgeschottet und die "Dinge laufen lassen". Ich melde mich hier, um mich gegen ACTA zu wehren - sowas soll und darf es nicht geben. Deshalb sei auch dabei... http://www.stopp-acta.at/ LG Harald K. alias (ehemals) Magister Arkanum

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