Was mir da einen Strick gedreht hat, ist mal wieder die liebe Zeit. Nicht dass ich und meine Mum alt geworden sind – nein, die Welt hat sich weiter entwickelt (böse Sache). Und nirgends wird das deutlicher als beim Kinderkriegen. Da stellt sich die Zeit zwischen die Welten von Generationen. Jeden Tag werden Menschen geboren, wie auch jeden Tag welche sterben, aber in unserer gewinnoptimierten Zeit, ist es nicht für jeden gegenwärtig. So ist das Thema meiner Wahrnehmung nach aus der Selbstverständlichkeit direkt in die Vergessenheit geraten. Was aber sicher vielen Zeitgenossen entgeht ist, wie unterschiedlich Menschen geboren werden können.
Eigentlich darf ich meiner Mum nicht böse sein. Auch nicht ihrem Lebensgefährten. Auch nicht den Eltern meiner Frau... eigentlich, wenn man es so betrachtet niemanden, der uns Unverständnis entgegen bringt. Es hat nämlich den Anschein, als leben Elaria und ich in den Augen dieser Leute was das Thema Geburt angeht auf einem anderen Planeten.
Es gibt eine Norm, das Schema F, nachdem westliche Erdbewohner auf die Welt kommen. Beziehungsweise das Schema F, von dem die gut gesponserte Wissenschaft meint, dass sie auf die Welt zu kommen haben. Das Wissen darüber ist einfach greifbar, schließlich hört man ja überall davon. Und bei Nachbarin Y, war das aber ganz anders...
Und dann gibt es noch das, an das sich diejenigen, die bereits Kinder haben erinnern können. Also zu meiner Zeit war das so... Gefolgt von dem gruseligen Nachsatz: ...und wir haben das auch geschafft.
Mal ehrlich:
Wer beschäftigt sich mit Gebären wenn er oder sie nicht gerade aktuell damit zu tun hat?
Ich kann von Glück reden, dass ich nur selten auf Menschen treffe, die das was sie in Hollywood-Filmen im Bezug auf Geburten sehen, ernst nehmen! Haarsträubend!
Doch zurück zu Elarias und meinen Eltern:
In den achtziger Jahren, als mein Vater nicht da war, und meine Oma keine Zeit hatte, hat mich meine Mutter in einem Krankenhaus auf die Welt gebracht. Heute kann ich nachvollziehen wie schwer das für sie gewesen sein musste, aber sie hat es geschafft. Meine Frau kam in der damaligen DDR zur Welt. Ihr Vater wollte, durfte aber nicht bei der Geburt dabei sein. Hat sie danach nur durch ein Fenster zu Gesicht bekommen. Schätze, durch uns sieht er nun, was ihm da vorenthalten wurde. Der Lebensgefährte meiner Mum ist Geschäftsmann und hat wohl Vieles zu Gunsten seiner Arbeit verpasst. Er versteht zum Beispiel überhaupt nicht, warum in der drei Bethen Namen ein Kind weit ab der medizinischen Versorgung in den eigenen vier Wänden auf die Welt bringen will.
Am Sonntag vor zwei Wochen ist mein zweites Kind, ein Sohn bei uns zu Hause im Kreis von Freunden auf die Welt gekommen. Nur die Hebamme, eine erfahrene Freundin und ich waren dabei. Meine ältere Tochter hat geschlafen. Elaria und der Kleine haben da echt tolle Arbeit geleistet.
Bei allem was ich mir in den letzten drei Jahren an Meinungen, Erzählungen (und auch an Belehrungen) anhören durfte, bin ich mir sehr wohl bewusst, welch ein Geschenk wir da erhalten haben. Ich will im Bezug auf die Hausgeburt nicht von Glück reden – auch nicht von Können. Es ist nur als Geschenk zu bezeichnen, wenn nach einer gesunden Schwangerschaft ein Kind in der eigenen Intimsphäre auf die Welt kommen kann und die gesamte Familie danach gestärkt hervor geht, wie es bei uns der Fall war. Dafür kann man doch nur dankbar sein – oder?
Was die Schwierigkeiten mit meiner Mutter angeht. Elaria und ich sind keine Weltmeister, bloß weil wir etwas Außergewöhnliches gewagt haben. Wir haben sehr wohl unsere Probleme. Wir fühlen uns genauso alleine gelassen, wie meine Mutter bei meiner Geburt, so ausgegrenzt wie Elarias Vater und genau den gleichen Zwängen einer gewinnoptimierten Welt ausgeliefert wie der Lebensgefährte meiner Mutter. Aber wir haben doch erreicht was wir wollten, warum sind wir nicht glücklich?
Weil es normal ist, dass Menschen geboren werden. Nach getaner Arbeit packt die Hebamme ihr Zeug und zieht weiter (absolut wundervoll, diese Frauen!). Und auch mein Heimurlaub geht zu Ende. Die Welt verändert sich nur langsam, nachdem wir geboren werden. Es wird durch all das nichts besser – es wird nur anders.
Anders als unsere Kinder, werden vielleicht ihre Kinder geboren. Ich bin sehr gespannt, ob ich ihre Situation werde nachvollziehen können. Werde ich ihren Rücken stärken, wenn sie etwas wirklich Riskantes wagen?


