Geld war für mich immer etwas, von dem ich nie viel hatte, aber – meinen Göttern sei Dank – immer genug da war. Das hat sich mit der Geburt meines ersten Kindes geändert. Jetzt, ist Geld für mich zu etwas Existenziellen geworden. Mein Geld, kommt aus meinem Job. Dort habe ich Dinge zu tun, die getan werden müssen, damit meine Kunden zufrieden sind. Es geht darum, dass ich funktioniere und zuverlässig bin, wie unser Produkt. Genau das gibt meinem Leben Halt und Stabilität, die ich nach wie vor brauche.
Nun war es schon immer so, dass meine privaten Interessen nie mit meinem Job vereinbar waren. Seit ich meinen Lehrvertrag unterschrieben habe, ist das so. Ich lebe damit und meine Arbeitgeber auch. Dienst, ist eben Dienst. Meine Kreativität und meine Projekte auf der einen Seite – ich hätte mir das aber alles nicht vorstellen können, ohne die Zwänge meines Job auf der Anderen. Wann kann ich endlich… warum muss ich heute wieder…
Ich bin nie in die Situation gekommen, von meinen Hobbies zu leben. Da war eben das liebe Geld, das nie mitgespielt hat. Es ist bis vor zwei Jahren so gewesen, dass ich ohne meine alltägliche Arbeit meine Hobbies nicht hätte finanzieren können. Ich hab darin immer etwas gesehen, dass die Gesellschaft verändert. Ich hatte das Gefühl etwas zurück zu geben. Die Welt war gut, wie sie war. Die Kluft zwischen Musenhain und Hades war in Ordnung.
War.
Was ist passiert?
Schlechtes Gewissen?
Nein.
Schlechte wirtschaftliche Lage: Euroeinführung, steigende Rohstoffpreise, Bonuszahlungen trotz offensichtlichen Management-Fehlern, Immobilienblase, Ratingagenturen, Bankenhilfe, Griechenlandhilfe. Aushöhlung des Sozialsystems (du musst bei der Gesundenuntersuchung in Getränke-Plasikbecher pinkeln, während im ganzen Haus Niroster-Handläufe (die kosten ein Vermögen!) montiert sind. Am Ende bekommst du um 50C Porto eine Rechnung über € 2,50.- mit Erlagschein zugeschickt, die, wenn Du sie nicht fristgerecht einzahlst per Post gemahnt wird).
Ich denke, es geht meinem Chef beim betrachten unserer Firmenzahlen gleich wie mir, beim betrachten meines Kontoauszuges. In unserem Unternehmen gab es auf Grund derartiger Berichte immer Gründe uns umzuorganisieren oder gar zu verkaufen. Und mein Kontoauszug brachte mich auch selten aus der Ruhe. Zwei Monate eisern sparen und das ist wieder drin. Das geht nun nicht mehr…
Schlechtes Gewissen?
Nein.
Aber der Hintergrund, vor dem mein Chef und ich unsere Zahlenwerke betrachten, hat sich geändert. Täglich liest man das Wort „Schulden“. Was ewig finanzierbar war, ist es nun nicht mehr, obwohl sich die Rahmenbedingungen nicht geändert haben.
Diese Kulisse bilden Menschen, die sich um den Zusammenhang zwischen dem globalen Geldflüssen und ihrem Kontostand bewusst geworden sind. Erst redeten sie darüber, dann schrien sie es hinaus und nun haben diese Menschen einen Namen bekommen: Occupy (mehr darüber in diesem Wikipedia-Artikel).
Sie stellen sich die Frage: wie eine Alternative zu unserem momentanen System aussehen könnte? Denn was haben wir denn jetzt:
Politische Selbstbedingungsläden. Planmäßige Winkeladvokatie. Sinnverlorene Bürokratie. Und das Schlimmste von allen:
Wir haben eine Gelddiktatur. Nichtmehr Wert, Produkt, oder Mensch stehen mehr im Vordergrund. Alles wird auf Kosten reduziert (von Gewinn traut sich scheinbar niemand mehr zu reden). …ich könnte kotzen!
Wer hat nicht darüber nachgedacht, was man tun könnte, wenn das liebe Geld nicht den Riegel vorschiebt?
Ich denke seit einem Star Trek – Film (First Contact. Hier ein Ausschnitt aus dem Film mit Kommtar) darüber nach, was wohl passieren würde, wenn jeder Mann und jede Frau versuchen würde, in dem was sie oder er tut, der oder die Beste zu sein. Ungeachtet des sozialen Status, Herkunft oder Bonität. Und vor allem: ungeachtet finanzieller Schranken!
Die Frage ist:
Trauen wir uns selbst eine funktionierende Gesellschaft zu, in der jeder tun kann, in dem er gut sein will?
Ich würde nicht aufhören für meine Firma zu arbeiten. Unsere Geschäftsidee ist genial, weil sie prima in so eine neue Welt passen würde und verbraucht zudem keine Ressourcen. Trotzdem würde ich versuchen die genialste Heidenplattform im Web zu betreuen. Ich würde meine Geschichten aufschreiben und könnte mir trotzdem meine Nerd-Flusen leisten. Der Weltbeste Trommler würde ich nicht werden wollen. Dafür ist mir Erstgenanntes und meine Familie einfach wichtiger.
Derzeit würgt mir das betrachten der Ist-Situation jeden Idealismus ab. Böse Zungen behaupten, dass die Occupy-Bewegung sofort verebben würde, gäbe man den Demonstranten ihre Jobs zurück. Yes-We-Can – Rufe aus Amerika sind angesichts der Wirtschaftskrise ebenfalls verstummt. Ich wünsche jedem einen Job, der in haben will. Dennoch ist mein Wunsch nach einem „Change“ größer.
Change?
…werden wir wohl nicht mehr erleben.
Obwohl. Jedes alte Großmütterlein zittert daher: „So kanns nicht weitergehen“.
Sehe ich auch so. Millionen trauern um Steve Jobs, niemanden interessiert die Millionen, die in Afrika an Hunger sterben, während wir im Bewusstsein um den Klimawandel, zusehen wie Regenwald gerodet wird (und das obwohl wir für Greenpeace spenden), um Anbauflächen für Biosprit zu gewinnen, den wir dann aus den Auspuffen unserer Autos jagen um am Weg in die Arbeit im Stau zu stehen, während wir im Radio darüber informiert werden, dass Österreich die Kyoto-Ziele verfehlt, obwohl wir in China so viele Windparks gebaut haben um Klimazertifikate zu erhalten, die die Belastung des Staatsschulden senken würden, hätte es unsere Regierung nicht verabsäumt sie rechtzeitig heimischen Energieversorgern abzukaufen, denen sie günstigere Erdgaspreise verschafft hat. Da war es wieder: Das Wort schulden.
Schlechtes Gewissen?
Jain…?!
Verdammt, das olle Geld greift mit einer dunklen Aura in mein idealistisches-besonnenes Leben ein! Ich stelle mir (nicht ohne mir der Jahreszeit bewusst zu sein), Effizienz-Fragen (eine besonders fiese Form des Infrage-stellens). Werde ich es mir noch leisten können, Zeit und Energie in ein Non-Feedback/Profit-Heiden-Projekte zu stopfen? Werde ich mir meine Nerd-Flusen noch leisten können? Fuck. Wird sich mein Arbeitgeber mich noch leisten können? Müssen wir unsere Kinder in eine Anpassungseinrichtung stecken um mit zwei Gehälter über die Runden zu können? Können wir uns unser tolles Bio-Essen noch leisten (Nahrung sollte uns eigentlich „nähren“ und nicht bloß sattmachen)?
Existenzängste machen keinen Spaß. Das weiß jeder, der sie mal gehabt hat.
Was fast noch beängstigender ist, ist der O-Ton jener Diskussionen, die den Ideen eines neuen Systems voran gehen:
Kein System ändert sich freiwillig. Sollte es ein Utopia geben, muss zuerst das Alte System sterben. Sowas wussten auch schon unsere Alt-Vorderen um Revolutionen im Keim zu ersticken. Hier ein Zitat aus der Neuzeit: „Wir werden unseren Wohlstand verlieren, weil Energie so teuer wird, wenn wir die Atomkraftwerke abschalten“. Das alles verleiht dem bevorstehenden Samhain und den 2012-Verschwörungstheorien ein brisantes Gewicht.
Ob ich mir einen Zusammenbruch des alten Systems wünsche?
Ja, aber mit der extremen Lust und Inspiration an dem Neuen gewaltig mitzubauen!
Schließlich behaupte ich von mir selber alte Brücken einzureißen nur um neue zu bauen können.
Schlechtes Gewissen?
Komm, gib‘ schon her, die neue Welt!
